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< Hansator: Deutliche Verbesserungen für alle, die mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs sind
10.04.2019 08:00 Alter: 14 days

ADFC-Fahrradklima-Test 2018: Bremen belegt ersten Platz fahrradfreundlicher Großstädte trotz Verschlechterung, Bremerhaven weiterhin abgeschlagen


Preisverleihung in Berlin duch Verkehrsminister Andreas Scheuer an Bremens Senator Dr. Jochaim Lohse. Foto: © BMVI/Deckbar

ADFC-Landesvorsitzende Bonnie Fenton und Geschäftsführer Sven Eckert präsentieren die Ergebnisse des Fahrradklimatests 2018. Foto: © Hannah Grundey, ADFC Bremen

ADFC-Streifen-Aktion vor der Radstation. Foto: © ADFC Bremen

Beim gestern in Berlin vorgestellten Fahrradklima-Test des ADFC wurde Bremen zur fahrradfreundlichsten Stadt Deutschlands in der neu eingeführten Größenklasse über 500.000 Einwohner*innen ernannt. Mit einer ernüchternden Gesamtnote von 3,55 lässt die Erstplatzierung der Hansestadt tief in die Fahrrad(un)freundlichkeit deutscher Großstädte blicken. Bremerhaven schaffte es im Städteranking seiner Größenklasse lediglich auf Platz 35 von 41 und erntete im Vergleich zum vergangenen Test schlechtere Noten in 27 von 32 Kategorien. 1.154 Bürgerinnen und Bürger aus dem Land Bremen hatten an der bundesweiten Befragung teilgenommen.

ADFC-Landesvorsitzende Bonnie Fenton sagt: "Natürlich sind wir ein Stück weit stolz, dass Bremen das Städteranking in Deutschland anführt. Nur leider hat sich die Note, die die Bremerinnen und Bremer der Fahrradfreundlichkeit ihrer Stadt verliehen haben, in diesem Jahr verschlechtert. Noch schlimmer sieht es in Bremerhaven aus. Es ist wichtig, dass sich die Politik nicht auf Bremens Status ausruht, sondern sich konkrete und ambitionierte Ziele für die Förderung des Radverkehrs setzt. Die noch ganz neuen, auffällig-roten Radspuren am Herdentor und in der Parkallee müssen Zeichen für einen neuen Aufbruch werden, denn das Potenzial, das diese Stadt hat, ist großartig!"

Neue Größenordnung beeinflusst Ranking
Die Verbesserung im Städteranking um drei Plätze gegenüber dem letzten Fahrradklima-Test 2016 hat die Stadt Bremen der diesjährigen Einführung der Größenordnung "über 500.000 Einwohner*innen" zu verdanken. Betrachtet man jedoch die Noten (nach Schulnotenprinzip), sind die drei ersten Plätze aus dem Jahr 2016 - Münster, Karlsruhe und Freiburg - weiterhin besser bewertet als die Hansestadt. Nichts desto trotz ist dieser erste Platz zusammen mit dem sehr hohen Radverkehrsanteil von knapp 25% ein großartiger Ausgangspunkt, um eine Vorzeigestadt für den Radverkehr in Deutschland zu werden. "Andere Städte, wie Groningen, Kopenhagen, Wien, Madrid, Paris und viele weitere, machen es vor: das Fahrrad ist der Schlüssel zu lebenswerten Städten", führt Fenton weiter aus.

Der Frust der Radfahrenden wächst deutschlandweit
Nicht nur in Bremen und Bremerhaven haben sich die Ergebnisse verschlechtert: Mit einer Gesamtnote von 3,9 ist der Bundesdurchschnitt ebenfalls um 0,1 Punkte abgesunken. Der ADFC startet deshalb die bundesweite Kampagne #MehrPlatzFürsRad und fordert radikal mehr Platz und Qualität für den Radverkehr. In Bremen wurde die Kampagne mit einer ADFC-Streifen-Aktion vor der ADFC Radstation am Hauptbahnhof eröffnet. "Seit Jahren kommt es hier zu Konflikten zwischen Menschen, die mit ihrem Rad das Fahrradparkhaus erreichen wollen und denen, die ihr Auto vor der Station parken. Es kann nicht sein, dass Bremens größtes Fahrradparkhaus für Radfahrende nicht konfliktfrei zu erreichen ist! Wir fordern, dass die PKW-Parkflächen endlich abgeschafft werden", so Sven Eckert, Landesgeschäftsführer des ADFC Bremen.

Falschparker auf Radwegen sind das größte Problem
Der zu lasche Umgang mit Falschparkern ist mittlerweile im Fahrradklima-Test auf Bundesebene das von Radfahrerinnen und Radfahrern am meisten bemängelte Thema (Note 4,5). Sowohl in Bremen als auch in Bremerhaven hat sich diese Kategorie im Vergleich zu 2016 deutlich verschlechtert und wurde in beiden Städten mit der Note "mangelhaft" bewertet. "Dieses Ergebnis kommt wenig überraschend", so Eckert. "Parkraumbewirtschaftung und -kontrolle sind ein Leidthema in Bremen. Wir hoffen, dass durch unser gemeinsames Positionspapier mit dem Bündnis Verkehrswende und durch die von uns unterstützte Bürgerinitiative 'Platz da!' nun endlich Bewegung in die Bremer Politik kommt und ein Umdenken stattfindet.

Qualität der Radwege lässt zu wünschen übrig
Ebenfalls sehr schlecht bewertet im Land Bremen werden die fehlende Breite und Oberfläche bestehender Radwege (Bremen 4,5 / Bremerhaven 4,9). Um diesen Missstand entgegenzuwirken, fordert der ADFC seit Jahren die dringend notwendige Ertüchtigung des bestehenden Radwegenetzes für die moderne Fahrradmobilität (Pedelecs, Fahrradanhänger, Lastenräder) und eine konsequente und zügige Umsetzung der im Verkehrsentwicklungsplan beschlossenen Fahrradpremiumrouten. Die Bremerhavener*innen haben zudem die aktuelle Politik abgestraft, in dem sie einstimmig die Fahrradförderung in letzter Zeit bemängeln.

Neue Leihräder punkten für Bremen
Eine deutliche Verbesserung hat die Stadt Bremen in der Kategorie "Öffentliche Räder" zu vermerken: Mit der Einführung von gleich mehreren neuen Fahrradverleihmöglichkeiten in 2018 hat sich die Bewertung um eine ganze Note verbessert. Weiterhin positiv abgeschnitten haben in beiden Städten die Erreichbarkeit des Zentrums sowie die Präsenz von Radfahrenden im Stadtbild.

Mit dem Rad zur Grundschule - nur mit schlechtem Gefühl
In der diesjährigen Sonderwertung zur Familienfreundlichkeit belegt Bremen ebenfalls Platz 1, Bremerhaven schafft es immerhin auf Platz 25 in seiner Größenklasse. Nichtsdestotrotz sind auch hier die Ergebnisse nur mäßig bis schlecht: "In Bremen und Bremerhaven fahren zwar viele Kinder Rad, doch auch wir spüren das wachsende Problem der Elterntaxis vor Schulen", bestätigt Markus Hübner, Verkehrspädagoge des ADFC in Bremen. "Eltern fürchten immer mehr um die Sicherheit ihrer Kinder und fahren sie deshalb mit dem PKW zur Schule. Damit werden sie leider Teil des Problems und tragen nicht zur eigentlichen Lösung bei. Mit unserem Projekt 'Fahrrad macht Schule' wollen wir Schüler*innen sowie Eltern diesbezüglich sensibilisieren und Mobilitätserziehung an Schulen stärken."

Hintergrund zum ADFC-Fahrradklima-Test
Der ADFC-Fahrradklima-Test ist die größte Umfrage zur Zufriedenheit der Radfahrenden weltweit. Im Herbst 2018 wurden bundesweit per Online-Umfrage 32 Fragen zur Fahrradfreundlichkeit gestellt - beispielsweise, ob das Radfahren Spaß oder Stress bedeutet, ob Radwege von Falschparkern freigehalten werden und ob sich das Radfahren auch für Familien mit Kindern sicher anfühlt. Mehr als 170.000 Bürgerinnen und Bürger haben bei diesem Durchgang mitgemacht und die Situation in 683 Städten und Gemeinden beurteilt. Nur 15 Prozent der Teilnehmenden sind ADFC-Mitglieder. Am 9. April 2019 wird die Rangliste der fahrradfreundlichsten Städte in sechs Größenklassen vorgestellt. Städte haben durch die Einzelbewertungen die Möglichkeit, gezielt zu erfahren, wo es gut läuft - und wo es Verbesserungspotenzial bei der Fahrradfreundlichkeit gibt.

Der Fahrradklima-Test findet zum achten Mal statt. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) fördert den ADFC-Fahrradklima-Test 2018 aus Mitteln zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans (NRVP).